Nur ein Anfang

Leipzig – Alt bekanntes und nichts Neues. Soweit blieb die Demonstration gegen Nazis und rechte Alltagskultur ihren Motto „Im Osten nichts Neues“ sich treu. Mit circa 600 Teilnehmenden wurden verschiedene Punkte in den Stadtteilen Neuschönefeld, Reudnitz und Volkmarsdorf am vergangenen Samstag angelaufen, an denen es vermehrt zu Naziaktiväten in der Vergangenheit gekommen ist. Die Veranstaltung soll dabei nur ein Auftakt gewesen sein für weitere antirassistische und antifaschistische Aktivitäten.

Das Klima ist angespannt im Stadtteil Reundnitz und Umgebung. Aufgrund einer Reihe von „einprägsamen Ereignissen“ sah sich das Ladenschlussbündnis Leipzig gezwungen aktiv zu werden. Mit dem Geschäft Fighting Catwalk, einem Nazi-Treffpunkt in der Langen Straße 15 und einem als rassistisch ausgemachten Publikum zweier Kneipen entsteht eine “Zone der Angst”, so die Aussage der Demonstration.

Nach der Eröffnungskundgebung am Friedrich-List-Platz folgte nach circa 20 Minuten Fussmarsch die erste Zwischenkundgebung an der Kreuz-/Scherlstraße. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Immobilienunternehmen Kling Group. Sie ist der Vermieter der besagten Wohnung in der Langen Straße 15, die sich in kürzester Zeit zu einem Treffpunkt für Nazis entwickelte. Der ursprünglicher Verwalter die SGK Liegenschaft ist Teil der Klinger Group. Nach telefonischer Auskunft bei der SGK Liegenschaft ist jetzt das Oschatzer Unternehmen Oz-Immobilien GmbH dafür verantwortlich.
Der nächste Halt sollte das Geschäft Fighting Catwalk im Täubchenweg 43b sein. Trotz Bitten der Polizei konnte die Demonstrierenden es sich nicht nehmen kurz vor dem Geschäft zu halten und eine musikalische Darbietung von Roger Wittaker „Abschied ist ein scharfes Schwert“ abzugeben. Ein Abschied für immer, wenn es nach den Organisator_innen geht. Das Fighting Catwalk verkauft unter anderem Kleidung der Marke Thor Steinar. Dies lockt zusätzlich Nazis an und schafft damit eine permanente Bedrohung für nicht rechte Jugendliche und andere Feindbilder von Nazis, so die Moderation der Demonstration. Nach Angaben der Stadträtin und Anmelderin Juliane Nagel ist seit dem 20. Februar gegen das Geschäft eine Räumungsklage anhängig am Landgericht Leipzig.

Immer wieder zeigten sich Anwohner_innen solidarisch mit der Demonstration, ob nun durch zeigen einer Fahne oder eines Transparentes. Kurz vor der Ankunft der Demonstration am Ladenprojekt Atari kam es zu einer Aktion zweier Menschen aus dem Haus. Neben einem ausgehängten Transparent wurde zwei bengalische Fackeln entzündet. Das Atari war in der Vergangenheit immer wieder Ziel von Übergriffen durch Nazis geworden. “Es sei nur noch eine Frage der Zeit bis wieder etwas passiert“, so ein Vertreter des Atari während einer Podiumsdiskussion.

Die Hoffnung jedoch des Ladenschlussbündnisses sich breiter aufzustellen, erfüllte sich nicht. Die Außenwirkung war die einer linksradikalen Demonstration. Hingegen die geäußerte Kritik von Öczan K. auf der vergangen Podiumsdiskussion am letzten Mittwoch, dass viele Migrant_innen die Demonstration eher als bedrohlich auffassen könnten, traf nicht zu. Sehr exemplarisch war dies bei der Zwischenkundgebung an der Eisenbahnstraße zu bemerken. Anwesende kamen aus den kleinen Imbissläden und Cafés heraus und zeigten sich durchweg erfreut über den nachmittäglichen Besuch.
Den Abschluss der Demonstration bildete ein Straßenfest im Lene-Voigt-Park, welches durch den Studierendenrat Leipzig organisiert wurde.

Merkwürdig ist nach wie vor das Verhalten manch Polizeibeamten gegenüber der Presse. Kurz nach Beginn der Demonstration kam es zu einer kurzen Rangellei eines Teilnehmers mit Beamt_innen. Sie ließen aber schnell wieder von der Person ab. Nach Aussage Anwesender war der Anlass eine Kontrolle. Auf Rückfrage bei einem Beamten der Einheit wurde diese Rangellei dementiert. Angesprochen darauf, dass doch deutlich zu hören war, dass etwas in der Art stattgefunden hätte, äußerte der Beamte einen abfälligen Kommentar über die Teilnehmenden. Die Zitierung des genauen Ausspruchs wurde Press AB vom Beamten untersagt. Selbst eine so simple Information wie die der Richtung, in der die Demonstration laufen wird, wurde mit dem Hinweis auf die Polizei- bzw. Versammlungsleitung verweigert. Beamt_innen der Einsatzleitung zeigten sich hingegen sehr kooperativ.

Für die Anmelderin Juliane Nagel war die Versammlung ein Erfolg: „Ich bin begeistert über die vielen Leute“. Dennoch sah auch sie die berechtigte Kritik an der Homogenität der Demonstration und dem Defizit der Mobilisierung über antifaschistische Kreise hinaus. Nagel sagte, dass am Anfang der Demonstration Migrant_innen selbst auf sie zugekommen seien. Sie fanden alles in allem sehr schön und betonten die Notwendigkeit selber in ihren Kreisen stärker zu mobilisieren.
Für Nagel stellt diese Demonstration nicht das Ende der Aktivitäten dar sondern einen Auftakt. „Wir hoffen künftig auf nachhaltige Vernetzung und mehr antifaschistsisches Engagement im Leipziger Osten“, so die Sprecherin des Ladenschlussbündnis Leipzig Stephanie Kesselbauer. Vielleicht wird es in naher Zukunft doch etwas Neues „im Osten“ von Leipzig geben.

Weiter Impressionen der Veranstaltung in Form von Bildern sind hier einzusehen.